TVO Fernsehbeitrag “Keine Langeweile” vom 14.01.2016 hier


Im Zusammenhang mit der Eröffnung des Kompetenzzentrum OFFH Rheintal hat die “Lichtensteiner-Woche” folgendes Interview in ihrer Zeitung veröffentlicht.

http://offh.ch/wordpress/wp-content/uploads/2016/08/Interview.pdf


Erneut wurden wir über das KOR-Zentrum interviewt, diesmal die Zeitung der Rheintaler

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Hochbegabte und und Angehörige vernetzen sich
Ostschweizer Forum startet in Teufen

Sabina-Zeller

Sabine Zeller-Engler bringt ihre eigenen Erfahrungen in den Verein ein. Foto: AG

Alexandra Grüter-Axthammer \05.05.14\Tüüfner Poscht
Intellektuell hochbegabte Kinder haben es nicht besonders leicht in der Schule, und auch ihre Eltern stossen oft an Grenzen. In der Ostschweiz gibt es seit kurzem ein Netzwerk für Kinder und deren Familie: den Verein «Ostschweizer Forum für Hochbegabung». Am 24. Mai lädt er zum Start-Event in der Hechtremise ein.
Nicht selten fallen hochbegabte Kinder durch Minderleistungen in der Schule auf oder zeigen psychische Probleme, die nicht als Erstes auf eine Hochbegabung hinweisen. Ob ein Kind überdurchschnittliche Leistungen bringt oder durch schwieriges Verhalten auffällt, hängt auch von der Förderung des Kindes ab.

Selbsthilfe gefragt
Zwischen den ersten Auffälligkeiten bis zum Resultat der Abklärung liegt oft ein langer Weg. Sabine Zeller aus Teufen hat selber zwei hochbegabte Söhne und einige Erfahrungen gesammelt. Ihr und ihrem Mann fehlten nach der Abklärung eine Anlaufstelle in der Ostschweiz, Fachleute und Kontakt zu anderen Eltern. So kam ihr die Idee, selber Veranstaltungen für hochbegabte Kinder zu organisieren.
Zusammen mit dem Teufner Kinder- und Jugendarzt Felix Suter sowie der Psychotherapeutin Elisabeth Zollinger organisiert sie seit November 2013 Kurse zu verschiedenen Themen wie Mathematik, Theater, Programmieren oder auch eine Krimiwerkstatt. «Oft sind die Kursleiterinnen und Kursleiter selber hochbegabt oder befassen sich schon lange mit diesem Thema», sagt Sabine Zeller. Das helfe den Kindern, und es falle ihnen leichter, unter Gleichgesinnten mit besonderen Begabungen zu lernen und zu experimentieren.
«In den Kursen soll die Freude am Denken wieder geweckt werden, die Lust, etwas auszutüfteln», sagt Sabine Zeller. Wenn die Kinder ihre besonderen Fähigkeiten mit dem Engagement und ihrer Kreativität verbinden, dann laufen sie zur Hochform auf.

Schlechte Leistung trotz Hochbegabung
In der Regelklasse bringen einige Kinder trotz Hochbegabung schlechte Leistungen, weil sie zu wenig gefordert sind. Sabine Zeller erzählt von einem Jungen, der den Programmierkurs besuchte. Bei ihm sei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) diagnostiziert worden und in der Schule hatte er einige Schwierigkeiten zu meistern. Der Kursleiter des Programmierkurses allerdings war begeistert von seiner Leistung und seiner Art zu denken.
«Für den Jungen und seine Eltern war es einfach toll, nach all den Schwierigkeiten in der Schule so etwas Positives zu hören». Und darum gehe es auch in diesem Verein – den Besonderheiten der hochbegabten Kinder Raum zu geben und sie zu fördern.

Das bestätigt auch der Präsident des Vereins, Felix Suter: «Kinder mit Hochbegabungen sind in ihren Klassen oder Schulen meistens die Einzigen und fühlen sich oft als Aussenseiter.» Nicht selten kommen Eltern von Kindern mit Hochbegabung in seine Praxis. Manche leiden an Zwängen oder Ängsten, bei anderen werde ADHS diagnostiziert.
«Diese Kinder denken und begreifen sehr schnell. Sie denken auch über vieles andere nach, machen sich mehr Sorgen als ihre gleichaltrigen Freunde, und damit kommen sie nicht immer klar.» Das sei einer der Gründe, weshalb er diesen Verein mitgegründet habe: «Durch anspruchsvolle Tätigkeiten soll ihr rasches Denken gefordert werden.» Das unterscheide ihren Verein auch von bereits bestehenden: «Informationen über Hochbegabung gibt es einige. Dieser Verein möchte den Kindern ganz praktische Freizeitbeschäftigungen bieten, die sie fordern.»

Vorbehalte abbauen
Der Start-Event soll helfen, Vorbehalte abzubauen. Noch immer gebe es Eltern und Lehrer, welche glaubten, man wolle aus einzelnen Kindern besondere Leistungen locken, sagt Felix Suter. «Schnelles Denken ist eine besondere Fähigkeit, aber wenn sie nicht erkannt wird, beginnen die Kinder, an sich selber zu zweifeln, und geraten ins Abseits.»

Am Start-Event stellt sich der Verein den Schulen, Therapiestellen, Ärzten sowie der Öffentlichkeit vor. Es gibt Informationen zu Hochbegabungen und das vielfältige Kursangebot.
Ostschweizer Forum für Hochbegabung Start-Event am Samstag, 24. Mai, 10.00 – 12.00 Uhr, Hechtremise, Hechtplatz, Teufen, www.offh.ch

 

http://www.tposcht.ch/news/hochbegabte-und-angehorige-vernetzen-sich


Artikel im Applaus vom 12.06.2014

Viele Interessierte und spannende Begegnungen am Start-Event des Ostschweizer Forums für Hochbegabung am 24.05.2015

Das junge Ostschweizer Forum für Hochbegabung konnte am Samstag 24.05.14 in der Hechtremise in Teufen einen erfolgreichen Start-Event durchführen. Der Hauptgrund dieser Veranstaltung galt in erster Linie der Information über Kinder mit intellektueller Hochbegabung, Vorurteile abzubauen und das vielseitige Kursprogramm vorzustellen. Zusätzlich will das Forum ein Netzwerk für hochbegabte Kinder und deren Eltern bieten.

Kinderarzt Felix Suter aus Teufen eröffnete die Veranstaltung. Er begrüsste die gut 50 interessierten Gäste herzlich und erörterte, wie ein Kinderarzt zum Präsidenten dieses Vereins wurde. Er habe seit einigen Jahren immer wieder hochbegabte Kinder und Jugendliche begleitet, die Probleme in der Schule und bei Hausaufgaben zeigten. Oft fallen diese Kinder mit frühen Entwicklungsschritten, für die Altersgruppe ungewöhnlichem Denken und einer schnellen Auffassungsgabe auf.

Zusammen mit der Psychotherapeutin Elisabeth Zollinger, die neben ihrer Praxistätigkeit in Wil während 1 ½ Tagen in seiner Arztpraxis arbeitet und Sabine Zeller, Mutter zweier hochbegabter Kindern, gründeten sie den Verein, um diesen Kindern in Form von Samstagskursen 1 – 2x-monatlich eine Plattform zu schaffen, um mit gleich interessierten und ähnlich schnell denkenden Kindern zusammen treffen zu können.

Was ist Hochbegabung
Elisabeth Zollinger informierte in ihrem Vortrag über Hochbegabung und Minderleistung. Sie erwähnte auch, dass Hochbegabung in der Schweiz zu einem Tabubegriff geworden ist. Allerdings können die von vielen bevorzugten Begriffe „Begabt” und „sehr begabt” zu Missverständnissen führen. Die Frage ist dann nämlich: Begabt wofür? Der wissenschaftliche Begriff „Hochbegabung” bedeutet einfach, dass jemand einen IQ ab 130 hat. Es geht also um eine ausserordentliche Begabung im Denken. Elisabeth Zollinger berichtete darüber wie hochbegabte Kinder in Unterforderung geraten können und beschrieb verschiedene Probleme, die dann entstehen können, wie zum Beispiel depressive Verstimmung, aggressives Verhalten, Minderleistung. Präventive Arbeit wäre sehr wichtig, um Unterforderung und ihre Folgen zu verhindern. Begrüssenswert wäre, wenn auch ausserordentlich intelligente Kinder dieselbe Unterstützung und Förderung erhalten könnten, wie es ausserordentliche Talente in Sport und Musik erhalten.

Das Kursangebot
Sabine Zeller stellte in ihrem Vortrag das spannende und sehr abwechslungsreiche Kursangebot vor. Die Kursthemen sind bewusst keine Schulstoff-Themen. Die ersten 9 Samstagskurse konnten bereits ausgebucht und mit grossem Erfolg durchgeführt werden. Für 2014 sind alle Kursthemen festgelegt und die Planung für 2015 wurde schon in Angriff genommen. Die Kinder sollen mit ihrer Freude am Tüfteln, Denken, Erforschen, Experimentieren, Lösungen suchen und mit viel Spass und Humor arbeiten dürfen. „Es sei schön zu sehen, wie bei den Kindern nach den Kursen die Augen leuchten”, sagt Sabine Zeller. Das Kursangebot kann in der Vereinshomepage unter Samstagskurse eingesehen werden.

Erfahrungsbericht von Betroffenen
In sehr eindrücklicher, mitreissender, spannender und humorvoller Weise erzählt der 21- jährige, hochbegabte Informatik-Student Sandro Kalbermatter sehr offen über seine Kindheit, Jugend, Schulzeit, sozialen Kontakten und Freundschaften. Wie er diese Zeit erlebt und erlitten hat, und wie er damit umgegangen sei. Seine Erfahrungen mit viel Frustration, Langeweile, Gefühl von Ausgrenzung und Unverstanden-Worden-Sein. Von guten wie schlechten Schulnoten, grad wie ihn das jeweilige Thema interessierte. Jetzt erst, da er im Studium ist, stosse er erstmals auf gleich interessierte und gleich denkende, wo er sich wohlfühlt und endlich Freude am Lernen habe. Er wünscht sich sehr, dass für diese Kinder etwas gemacht wird. Sandro Kalbermater hat mit grosser Freude und riesigem Erfolg am OFFH Samstagskurs den dreiteiligen Programmierkurs durchgeführt. Ein nächster Kurs „Murmelsystem bauen”- das Erarbeiten von Konzept, Planung, Berechnung bis hin zum Erstellen einer „Kügelibahn” aus ganz viel Karton und /-rollen, findet im Sommer 2014 an zwei Wochenenden statt.
Isabel Hobi, Mutter eines 12-jährigen Sohnes und Bruno Züger, Vater einer 9-jährigen Tochter, schilderten den Anwesenden ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Hochbegabung, ihr Suchen, ihre Fragen, bis hin zum Finden von ebenfalls Betroffenen, um endlich die Möglichkeit von Vernetzung bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit wie diesem heutigen Anlass zu haben.

Musikalische Einlage
Als Intermezzo konnte sich Florian Mäder aus der Musiktalentschule Teufen, mit seiner Gitarre und zwei wunderschönen Balladen in die Herzen der Zuhörer spielen.

Gesprächsrunde bei Wurst und Getränk
Zum Schluss bedankte sich Felix Suter bei allen Anwesenden für ihr Interesse für dieses Thema dieser Kinder und für ihr Kommen. Insbesondere den Gemeindepräsidenten von Teufen Walter Grob und die Vertreter der Gemeinde und der Schule. Anschliessend lud er alle zu einem Apèro und einer Grill-Bratwurst ein. Es wurde in lockerer Atmosphäre diskutiert und gefachsimpelt. Elisabeth Zollinger, Felix Suter und Sabine Zeller standen für persönliche Fragen Red und Antwort und um 13.30 Uhr löste sich die Infoveranstaltung auf.

Anschliessender erster Höck der Vereinsmitglieder
Ab 14.00 Uhr fand der erste gemeinsam Höck der OFFH-Mitglieder statt. Eltern und Kinder der Samstagskurse konnten sich bei Kaffee und Kuchen erstmals richtig kennenlernen. Während die Erwachsenen zusammensassen, über Zielsetzungen, Ressourcen, Vorstellung und Vernetzungen austauschten, konnten die Kinder zusammen Knobelspiele, Monopoly usw. spielen. Valentin Wettstein vom Radsport St. Gallen war mit seinem Sportvelo und Einrad aktiv und die Kinder konnten sich selber darin versuchen, auch das Stelzenlaufen und ein Tischtennistisch wurde rege genützt.
Die drei Vorstandsmitglieder Sabine Zeller, Elisabeth Zollinger und Felix Suter sind sich einig mit ihrem Verein weiter zu machen, dran zu bleiben, um dieser kleinen Minderheit ein Sprachrohr zu sein, diesen Kindern und ihren Familien ein Stück weiter zu helfen, sie in ihrem Selbstvertrauen zu unterstützen und ein Netzwerk anzubieten.

Für weitere Infos empfehlen wir Ihnen die Homepage zu besuchen www.offh.ch
Wer in unserem Verein mitmachen oder seine Kinder an einen Kurs anmelden möchte, kann sich unter kontakt@offh.ch mit uns in Verbindung setzen.

Teufen, 24.05.14: Katharina Preisig-Engler, Aktuarin


Artikel Tagblatt vom 25.09.2014

Endlich schnell denken dürfen

Kinder mit einem IQ von 130 sollten die Schule eigentlich mit links meistern. Das Gegenteil ist oft der Fall: Der Unterricht wird für Hochbegabte zur Tortur. Ein Ostschweizer Verein kümmert sich um die, die am System fast zerbrechen.
JULIA NEHMIZ

«Der Workflow war beim letzten Mal nicht optimal», sagt Sandro Kalbermatter, «heute werden wir verschiedene Tasks erarbeiten und die Arbeit parallelisieren.» Was nach Anweisungen aus einem Managerseminar klingt, ist an zwölf Buben gerichtet. Die Neun- bis Vierzehnjährigen scharen sich in einer Teufner Schreinerei um Kursleiter Kalbermatter, auf dem Flipchart Zeichnungen und Rechnungen der binären Kugelbahn, an der sie weiterbauen wollen. Freiwillig. An einem sonnigen Wochenende im September.

Vorurteile und Abwehr
Die zwölf Buben aus den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden haben eines gemeinsam: Sie sind hochbegabt. Als hochbegabt gilt, wer einen Intelligenzquotienten von 130 oder mehr hat. Eigentlich eine tolle Sache, sollte man meinen, gilt man doch mit solch einem IQ als superschlau. «Genau das ist schon eines der vielen Vorurteile im Umgang mit hochbegabten Kindern», sagt Felix Suter. Er benutzt das Wort «hochbegabt» nicht gerne, spricht lieber von Kindern, die «schnell sind im vernetzten Denken».
Der Teufner Kinderarzt hat mit der Wiler Psychologin Elisabeth Zollinger den Verein Ostschweizer Forum für Hochbegabung gegründet. Nicht, weil Suter von Haus aus Spezialist für Hochbegabte ist: «Ich wurde in meiner Kinderarztpraxis einfach immer wieder mit extremen Fällen konfrontiert und fand, da muss man doch was machen.»

Unglücklich, weil unterfordert
Etwas machen: Das wünschen sich auch die Eltern. Denn Hochbegabung kann zum Fluch werden. «Wenn ein Kind permanent unterfordert ist, sich in der Schule nur langweilt, nie in seiner Geschwindigkeit lernen und agieren darf, kann das zu schweren psychischen Störungen führen», sagt Felix Suter. Angstzustände, Zwangsstörungen, Aggressionen, Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Selbstmordgedanken können die Folge sein.
Davon ist beim Kugelbahnkurs in Teufen nichts zu merken. Die Buben kommen einem ziemlich normal vor. Es wird gewerkelt, gelacht, gefrotzelt. Einmal muss Kursleiter Kalbermatter laut werden, damit sich zwei Buben mit den Kartonröhren nicht auf die Köpfe hauen: «Wir sind doch nicht im Kindergarten!» Doch das, was sie basteln, hat es in sich. Die Kugelbahnen sind nach dem binären System aufgebaut: Takter, Hammer und binäre Sortiermaschinen regeln den Lauf der Murmeln. «Ich habe das zweite Modul gebaut, es 40mal getestet und es hat 40mal geklappt», sagt ein Knabe und zeigt stolz sein Modell. Der Kursleiter lobt, dann geht es weiter. «Ich sage den Kindern nicht, was sie zu tun haben. Ich gebe nur die Inspiration.»
Kalbermatter weiss, wovon er redet. Der 21jährige Informatikstudent ist hochbegabt, seine Schulzeit empfand er als extrem langweilig. Erst jetzt, an der ETH Zürich, wird er gefordert, hat er nicht mehr das Gefühl, anders zu sein. Kalbermatter hat schon etliche Kurse für Kinder geleitet, auch hier in Teufen. Aber das sei nur eine Notlösung. «Wir geben Hochbegabten einen Raum, wo sie hochbegabt sein dürfen, das ist eigentlich traurig», sagt er.
Die Buben sind extrem glücklich über das Angebot. «Ich habe alle Kurse besucht», sagt ein 14-Jähriger, «hier bekomme ich die Möglichkeit, mich gedanklich auszutoben.» Man könne im Kurs mega weit denken. In der Schule gehe es ihm zu langsam vorwärts. «Hier ist es eindeutig besser als in der Schule», sagt ein Zwölfjähriger, «hier kann man einfach frei sein.»

«Die Schulen sind überfordert»
Frei sein, darum geht es auch den Eltern und den Forumsgründern Suter und Zollinger. Viel zu oft erleben sie Kinder, die unter ihrem Anderssein leiden und zu totalen Leistungsverweigerern werden. «Unser Sohn versucht, in der Schule seine Hochbegabung zu verstecken», sagt eine Mutter. Er will nicht gehänselt werden. «Streber ist ein Wort, das es in anderen Ländern nicht gibt», sagt Sandro Kalbermatter. Dort würden ausserordentliche Leistungen anerkannt. Hier werde man gebremst.
Das bestätigen der Kinderarzt und die Psychologin. «Die Schulen sind mit Hochbegabten oft überfordert», sagt Felix Suter. «Die vernetzte und unkonventionelle Art ihres Denkens passt nicht zum schulischen Lernen», sagt Elisabeth Zollinger. Beispiele haben beide mehr als genug. Frage im Test: Kennst du fünf Tiere aus Afrika? Antwort des Kindes: Ja. Das gab natürlich keine Punkte. Einem anderen Kind wurden im Aufsatz Fremdwörter durchgestrichen – es sei noch zu klein, um diese zu verwenden. «Das Potenzial dieser Kinder wird nicht erkannt und nicht genutzt», sagt der Kinderarzt.

Anregen, nicht beschäftigen
Felix Suter und Elisabeth Zollinger wünschen sich mehr Förderung für hochbegabte Kinder. In der Ostschweiz gebe es Talentschulen für Sport, Musik und Kunst, aber nichts für Hochbegabte. Andere Kantone sind da weiter; Bern und Zürich bieten Förderkurse an, für die die Kinder vom Unterricht dispensiert werden. «Hochbegabte brauchen Anregung zum Denken, nicht Beschäftigung», sagt Suter. Einem fussballerisch talentierten Kind drücke man auch nicht nur einen Ball in die Hand und fordere es auf, ein bisschen auf der Wiese zu spielen.
Noch ist in der Ostschweiz eine ausgebaute Förderung der Hochbegabten in weiter Ferne (siehe Text unten). Bis sich das ändert, werden Suter, Zollinger und ihr Forum weiterhin Kurse anbieten, Tagungen organisieren und über das «Problem» hochbegabt informieren.
www.offh.ch


Die Wiler Psychologin Elisabeth Zollinger hat sich auf Kinder mit Lernschwierigkeiten und Hochbegabung spezialisiert. Sie fordert Extra-Unterricht nur für Hochbegabte.

JULIA NEHMIZ

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Frau Zollinger, was ist Hochbegabung?

Elisabeth Zollinger: Da gibt es verschiedene Ansichten. Laut Fachliteratur meint «Hochbegabung» eine ganz ausserordentliche Fähigkeit im Denken. Allerdings wird der Begriff umgangssprachlich auch verwendet für besondere Leistungen in Sport, Musik oder Kunst. So bezeichnet der Kanton St. Gallen seine Talentschulen für musisch, künstlerisch oder sportlich begabte Kinder als Förderung für Hochbegabte.

Ab wann gilt man als hochbegabt?

Zollinger: Ab einem IQ von 130 oder mehr. Das ist gar nicht so selten, zwei bis drei Kinder von hundert Gleichaltrigen sind hochbegabt.

Was haben wir Normalos für einen IQ?

Zollinger: 85 bis 115. Ein IQ ab 115 gilt als «überdurchschnittlich».

Wie sieht die Förderung für Hochbegabte aus?

Zollinger: Auch Schüler mit einem IQ ab 130 werden in den meisten Kantonen in der Regelklasse gefördert.

Und das funktioniert?

Zollinger: Oft nicht. Schauen Sie, zu mir kommen natürlich nur die Kinder und Jugendlichen, die massivst leiden. Zum Teil auch Kinder, die suizidgefährdet sind. Eine Mutter fand ihren achtjährigen Sohn im Kinderzimmer mit einem Gürtel um den Hals, er wollte nicht mehr leben, weil er in der Schule so litt. Andere Kinder entwickeln depressive Verstimmungen, Zwänge, psychosomatische Störungen.

Wie kommt es dazu?

Zollinger: Permanente Unterforderung. Ein hochbegabtes Kind ist kognitiv mehrere Jahre weiter, und zwar allgemein im Denken, nicht nur in Mathe oder Deutsch. Wenn der Lehrer etwas erklärt, hat ein hochbegabtes Kind das schon nach wenigen Minuten verstanden, muss aber die restliche Lektion brav zuhören.

Aber es stimmt doch nicht, dass es keine Förderung für begabte Kinder gibt.

Zollinger: Das nicht, aber die Förderung ist nicht auf Hochbegabte zugeschnitten. An vielen Schulen gibt es «Begabungsförderung» von ein bis zwei Stunden pro Woche. Das Problem ist, dass das für Hochbegabte meist zu wenig Herausforderung bietet. Und dass das für alle Kinder ist, die gute Leistungen bringen und einen Schnitt von 5,0 haben. Aber viele Hochbegabte haben keinen Schnitt von 5,0.

Warum? Bei den intellektuellen Fähigkeiten.

Zollinger: Das ist genau wieder eines der vielen Vorurteile. Hochbegabung bedeutet nicht gute Schulnoten, sondern oftmals Leiden an Unterforderung. Aus Frust werden viele zu Minderleistern, verweigern sich. Das beginnt schon ganz früh. Ein Fünfjähriger erzählte mir, dass er im Kindergarten nicht über Planeten reden könne, die anderen fänden das blöd. Also zog er sich zurück. Die Kindergärtnerin bescheinigte ihm ein unsoziales Verhalten. Hochbegabte sind nicht per se unsozial. In den Sommerkursen für Hochbegabte, die ich einigemal mitbetreute, sind alle meist sehr sozial, lachen miteinander, es entstehen Freundschaften.

Was wünschen Sie sich von der Schulpolitik?

Zollinger: Es bräuchte eine Teilseparierung, zwei bis drei halbe Tage pro Woche, an denen Hochbegabte extra unterrichtet werden. Damit sie in ihrer Geschwindigkeit lernen können.


Ostschweiz am Sonntag: 10. April 2016, 02:35 Uhr

KOMMENTAR

Wer hat Angst vorm hohen IQ

 

Julia Nehmiz

Der Auftrag ist eigentlich klar: Die Volksschule soll jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten fördern. Doch an der Umsetzung des Auftrags hapert es manchmal. Kein Wunder: In einer Klasse tummeln sich viele Kinder, mit den unterschiedlichsten «Rucksäcken» beladen. Einer kann schon lesen und schreiben, der nächste hat noch nie ein Buch gesehen, die dritte spielt mehrere Instrumente und die vierte verkrümelt sich am liebsten in die Spielecke. Jedes Kind da abzuholen, wo es gerade mit seinen Fähigkeiten steht, und es seinen Bedürfnissen entsprechend zu fördern, kann zur Herkulesaufgabe werden.

Deshalb ist es umso weniger verständlich, dass die Förderung der wenigen hochbegabten Kinder den Lehrpersonen obliegt. Es geht hier nicht um das Heranzüchten einer obskuren Elite, sondern um die Förderung kognitiv besonders begabter Kinder und Jugendlicher. So, wie es der Kanton St. Gallen bereits für sportlich, musisch oder künstlerisch begabte Schüler eingerichtet hat. Es mutet komisch an: Da werden die Künstler von morgen gefördert, während man gleichzeitig für Kunst und Kultur immer mehr Sparpakete schnürt und so den Künstlern von morgen das Arbeitsumfeld wegstreicht. Wohingegen Kinder mit einem IQ von mehr als 130 weitgehend sich selber überlassen bleiben. Beziehungsweise den Eltern, denen als letzter Ausweg oft nur der Gang zur Privatschule bleibt.

Klar, es gibt Eltern, die gerne hätten, ihr Kind trüge den Stempel «hochbegabt». Nicht jeder Klassenclown ist vom Unterricht unterfordert. Und mancher Minderleister ist schlichtweg faul. Vielleicht gibt es tatsächlich Eltern, die mit ihrem Kind IQ-Tests trainieren, damit ein möglichst hohes Ergebnis herauskommt. Dass sie damit ihrem Kind mehr schaden als nützen, ist ein anderes Thema.

Für die Hochbegabten, die am System Schule zerbrechen, ist Hilfe erforderlich. Muss man es wirklich so weit kommen lassen, dass Siebenjährige Suizidgedanken hegen? Früheres Eingreifen und Erkennen scheint in manchem Fall dringend notwendig. Warum gibt es Förderklassen für lernschwache Schüler, nicht aber für lernstarke? Die guten Erfahrungen anderer Kantone sollten die Ostschweiz bestärken: Man muss keine Angst vor Kindern mit hohem IQ haben. Die wollen nur Kind sein – und lernen. Für etliche Kinder funktioniert das in der Regelklasse, bei ihrem Klassenlehrer. Für einige Kinder funktioniert das aber nicht. Ihnen sollte geholfen werden. Je schneller, desto besser.

julia.nehmiz@ostschweiz-am-sonntag.ch